Storytelling in Bewerbungsschreiben

Sehr geehrte Damen und Herren Suchende,

hiermit bewerbe ich mich für den Job als Bewerbungscoach. Meine extrem langweilige Ausbildung, die ohnehin schon detailliert im Lebenslauf steht, interessiert Sie wahrscheinlich genauso wenig wie die Tatsache, dass ich total flexibel, teamorientiert, leistungsbereit, kreativ, engagiert und sorgfältig bin, wallah ich schwör.

Deshalb erzähl ich lieber ne spannende Geschichte:

Und zwar meine Lebensgeschichte.

Nein, nicht diese langweilige „Von 2008-2011 studierte ich XY, um im Anschluss Stelle Z anzutreten“-Geschichte. Sondern die Lebensgeschichte, die ich auch auf einer Party oder bei einem Date oder unter guten Freunden erzählen würde, wenn die Frage zur Sprache käme.

Ehrzähl nicht, was du gemacht hast, sondern beantworte diese Fragen:

  • Warum habe ich diese Entscheidungen getroffen? Was hat mich dazu bewegt?
  • Warum ist mein Weg kurvig? Warum gab es Veränderungen, Umentscheidungen und Weiterentwicklungen?
  • Wie haben sich meine Entscheidungen auf mich ausgewirkt? Was habe ich gelernt und welche neuen Sichtweisen habe ich dadurch erhalten?
  • Wie haben meine Entscheidungen meinen weiteren Lebensweg beeinflusst?
  • Wer bin ich in diesem Prozess geworden? Was bringe ich alles mit an Erfahrungen, Wissen, Souvenirs, Eindrücken und Gefühlen, die ich unterwegs so aufgesammelt habe?
  • Und was veranlasst mich jetzt zur nächsten Entscheidung– nämlich dazu, mich auf diesen Job hier zu bewerben?

Sei ehrlich und autentisch, aber  formuliere nix negativ. Also statt „Ich fand das Studium megascheiße“ lieber „Ich habe rausgefunden, dass ein anderer Weg viel besser zu mir passen würde“.

Und entwickele selbst einen roten Faden.

Beispiel:
Du hast erst Umweltwissenschaft studiert, danach Psychologie und bist dann doch Dachdecker geworden?
Dann ist dein roter Faden vielleicht, dass du immer schon eine Tätigkeit mit Sinn machen wolltest – im Umweltschutz oder mit Menschen. Dass dir aber die abstrakten Studien nicht die befriedigende, lebenspraktische Sinnhaftigkeit geben konnten, die du jetzt in deiner handwerklichen Ausbildung verspürst. Und dass es sehr viel Sinn für dich macht, Menschen ein zu Hause zu bauen. Und dass du durch die Installation von Solaranlagen immer noch dem Umweltschutz verschrieben bist.

Das alles darf ruhig ein bisschen schön zu lesen sein. Also es ist kein verpflichtendes Gesetz, Bewerbungen möglichst langweilig und technisch runterzuschreiben. Du darfst gerne deine Schreibskills auspacken.

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Beispiele gefällig?

Studienplatzwechsel

Statt Von 2008 bis 2009 begann ich ein Politikstudium. Im Anschluss wechselte ich zu Jura:

Politik hat mich schon immer begeistert. Als meine Klassenkameraden die Bravo lasen, habe ich im Cicero geblättert und mich sehr weltmännisch gefühlt. Deshalb war schon lange vor dem Abi klar für mich, dass ich Politologie studieren würde.

Das Studium interessierte mich auch sehr. Dennoch merkte ich schon zu Beginn, dass mir der Praxisbezug fehlte. Ich wollte nicht nur über abstrakte Theorien diskutieren, sondern konkrete Probleme anpacken und etwas bewirken. Also besuchte ich ein paar fachfremde Vorlesungen. Jura überzeugte mich sofort. Hier bekamen wir konkrete Fälle und konnten mithilfe der Gesetzbücher reale, machbare Lösungen entwickeln. Genau danach hatte ich gesucht!

Jetzt studiere ich Rechtswissenschaft mit dem Schwerpunkt Völker- und Europarecht und kann so meine Studieninteressen mit meiner Leidenschaft, der Politik, verbinden.

Der rote Faden: Begeisterung für Politik.

Dein roter Faden beim Studiengangswechsel: z. B. Begeisterung für einen Beruf, ein bestimmtes Thema, eine bestimmte Arbeitsweise, ein Lebensziel o. ä., was du mit dem alten Studium schon verfolgt hast, aber mit dem neuen Studium noch besser verfolgen kannst oder ein neues Ziel, das noch besser zu dir und deinen Werten passt.

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Gap Year

Statt von 2008 bis 2009 machte ich ein Praktikum in einem Labor, ein Praktikum im Krankenhaus und ein Praktikum in einer Kunstschule. Danach studierte ich…

Nach dem Abitur hatte ich richtig Lust darauf, die Welt und das Leben zu erkunden. Ich konnte mir so viele Berufe vorstellen – z. B. meine naturwissenschaftlichen Stärken einsetzen, mich künstlerisch ausleben oder etwas Sinnvolles in der humanitären Arbeit machen. Also habe ich mich in verschiedenen Praktika ausprobiert. Das Jahr hat mir sehr dabei geholfen, mein Traumstudium zu finden: Ich studiere Neurowissenschaften und verbinde so mein Interesse an Wissenschaften mit einer sehr sinnvollen Tätigkeit.

Der rote Faden: Die vielen verschiedenen Praktika halfen dabei, verschiedene Wünsche zusammenzubringen.

Dein roter Faden im GY: Meistens braucht man für ein Jahr gar keinen. Aber du kannst angeben, dass es dir geholfen hat, aus deinen abstrakten Ideen realistische Zukunftspläne zu formen.

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Vom Studium zur Ausbildung

Nach dem Abitur stand für mich außer Frage, zu studieren. Da ich eine soziale Ader habe und sehr gerne mit und für Menschen arbeite, habe ich Pädagogik gewählt. Doch dann saß ich stundenlang im Hörsaal über völlig abstrakten Theorien und konnte in der Zukunft nur auf einen genauso theoretischen Schreibtischjob hoffen.

Mit der Zeit ist mir klar geworden, dass man in ganz anderen Bereichen viel mehr Zeit mit Menschen verbringt. In Berufen, die auf Teamwork und eine gute Kundenorientierung setzen. Zum Beispiel im Handwerk: Menschen ein zu Hause zu bauen, ist genau das, was ich mir unter einer sinnvollen Tätigkeit vorstelle. Deshalb möchte ich gerne Zimmerin werden.

Der rote Faden: Der Wunsch, mit Menschen zu arbeiten.

Dein roter Faden beim Wechsel von Studium zu Ausbildung: Ähnlicher Berufswunsch bzw. Lebensziel, aber Wunsch nach mehr Lebenspraxis und weniger abstrakter Theorie, nach einer echten, ehrlichen Arbeit oder Änderung des Lebensziels, als dir klar wurde, wie weltfremd, hohl oder sinnlos dir dein Studium erschien.

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Familienplanung

Mein Mathematikstudium ist etwas länger geraten als geplant. Grund dafür waren zwei kleine Wunder, die in unsere Familie gezogen sind. So habe ich die Regelstudienzeit überzogen, aber tolle Praxiserfahrungen gesammelt und mein Organisationsgeschick, mein Zeitmanagement, meine Führungsqualitäten und meine Kommunikationsfähigkeiten weiterentwickelt. Das Fachwissen aus meinem Studium und die praktischen Erfahrungen als Familienmanager sind eine unschlagbare Kombination.

Der rote Faden: Diese Person ist auch mit den Kindern konsequent bei ihrem Ziel geblieben.

Dein roter Faden bei Familienplanung: Entweder du verfolgst dein Ziel auch weiter und profitierst von der Erfahrung des Elternseins oder deine neue Familie inspiriert dich zu einer Entscheidung, die dich weiterführt. Klassiker: Nach dem BWL-Studium willst du doch lieber Erzieherin werden? Dann erzähl, inwiefern du auch in Zukunft im Kita noch vom ursprünglichen Wirtschaftsstudium profitieren kannst, z. B. bei Verwaltungsaufgaben.

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Fachfremde Arbeit nach dem Studium

Als ältestes Kind von zwei selbstständigen Eltern ist mir die Anpackermentalität in die Wiege gelegt. Trotz Vollzeitjobs als Co-Familienmanager habe ich ein Einserabitur geschafft und mich sofort ins Literaturstudium gestürzt. Mit viel Eigeninitiative habe ich einen spannenden Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter gefunden und Studium und Arbeit sehr gut miteinander vereinbart. Als nach dem Abschluss noch nicht direkt ein Volontariat in Sicht war, habe ich mir kurzerhand einen Job im Büro gesucht. Dort habe ich meine Anpassungsfähigkeit und mein schnelles Lernvermögen unter Beweis gestellt und schon bald verantwortungsvolle Aufgaben wie die eigenständige Pflege von Datenbanken übernommen. Die Arbeit ist spannend, aber Journalismus ist und bleibt mein Traumberuf. Deshalb suche ich jetzt nach einem Volontariat. Gerne bringe ich mich mit gleichem Engagement und den neu erworbenen EDV- und Wirtschaftskenntnissen in Ihr Team ein.

Der rote Faden: Großes Engagement und Einsatz zur Erfüllung des Traums.

Dein roter Faden, wenn du nach dem Studium erst einmal einen nicht so richtig passenden Job machst: Entweder ist es das große Engagement, das du zeigst, wenn du nicht passiv abwartest, sondern dir direkt Arbeit sucht (die Story geht eigentlich immer). Oder die Arbeit passt sogar zu dir und deinem Traumberuf – z. B. weil die Kundenorientierung im Einzelhandel dir einen tollen Asset für spätere Managementaufgaben bietet etc.

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Tausend Praktika und verschiedene Abschlüsse

Als neugieriger und vielfältig interessierter Mensch habe ich schon in die verschiedensten Arbeitsfelder reingeschnuppert und mein Leben wie eine große Abenteuerreise gelebt. Ich habe es sehr genossen, viele spannende Erfahrungen zu machen und einen bunten Wissenschatz anzusammeln. Doch langsam wächst in mir der Wunsch nach Beständigkeit, nach einem Ort und einer Tätigkeit, an der ich dauerhaft bleiben kann.

Ihre Stelle klingt wie gemacht für mich. Sie bietet viele verschiedene Aufgabenfelder, sodass ich meine verschiedenen Kenntnisse und Fähigkeiten einbringen kann- darunter Beratungskompetenzen, Organisationsgeschick und EDV-Kenntnisse- und spannenden, abwechslungsreichen Tätigkeiten nachgehen kann. In einer so vielfältigen Stelle werde ich bestimmt kein Fernweh mehr verspüren. Deshalb habe ich große Lust, bei Ihnen zu arbeiten.

Der rote Faden: Die Begeisterung für Vielfalt und Abwechslung.

Dein roter Faden bei so einem Lebenslauf: Den Vorteil der vielen Erfahrungen betonen, aber auch erklären, dass du jetzt langsam zur Ruhe kommen möchtest ODER bei einer befristeten Stelle angeben, dass dir die kurze Projektlaufzeit entgegen kommt, weil du doch noch nicht zur Ruhe kommen willst.

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Die ganze lange Lebensgeschichte

Ein wundervolles Beispiel für eine erzählte Lebensgeschichte gibt Ulrich Wickert auf seiner Internetseite: http://www.ulrichwickert.de/index.php?seite=vita Natürlich ist diese Vita keine Bewerbung und es gibt keinen Bezug auf ein Unternehmen und einen Job. Aber du kannst dich von ihr inspirieren lassen und so eine eigene Bewerbung kreieren.

Der rote Faden: Wickerts Begeisterung für Politik und seine Freude daran, dem Fluss des Lebens zu folgen und Gelegenheiten zu ergreifen.

Dein roter Faden: Deine Werte, Interessen, Leidenschaften und Beweggründe.

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(Alle Bilder: http://www.pixabay.de)

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