Warum du dich im Bachelor lieber noch nicht spezialisierst

Griaß di Suchender.

Wenn du schon eine grobe Idee hast, in welche Richtung es gehen soll, dann suchst du vielleicht schon fleißig nach passenden Studiengängen. Und es gibt echt geile Bachelorstudiengänge, oder? „Vegan Food Management“, „Internationale Not- und Katastrophenhilfe“,“Medienpsychologie“, „Virtuelle Realitäten“ oder „Frühkindliche Bildung und Erziehung“… insbesondere Fachhochschulen experimentieren gerne mit neuen, spannende, sehr speziellen Fächern.

Warum solche Fächer im Bachelor aber nicht immer empfehlenswert sind, liest du hier:

Das große Problem sind die Perspektiven. Im Grunde genommen gibt es 2 Haken daran:

  1. Was man da draußen in der Welt mit so einem Abschluss anfangen kann
  2. Was du für dich mit so einem Abschluss anfangen kannst

1. Die Welt da draußen

Erstmal gibt es eine ganz einfache Rechnung:

  • Ein BWL-Student kann überall und nirgends arbeiten. Zum Beispiel in einer Versicherung oder bei einem Autohersteller oder in der Gastronomie oder für einen Lebensmittelproduzenten oder in einer gemeinnützigen Organisation oder sonst wo. Ein Vegan Food Management – Student wird höchstwahrscheinlich nur da Arbeit finden, wo auch was mit Vegan Food los ist, also z. B. in der Gastronomie oder bei einem Lebensmittelhersteller.
  • Und während der klassische BWLer problemlos im Steakhouse-Management arbeiten kann, müsste der Vegan Food Manager im Vorstellungsgespräch schon ne verdammt gute Story liefern, wieso er sich jetzt ausgerechnet für Steaks entschieden hat.
  • Und wenn er überzeugter Veganer ist, dann will er vielleicht auch niemals im Steakhouse arbeiten… hat aber leider wenig Alternativen, weil tierschutzneutrale Unternehmen wie Krankenversicherungen oder Waschmaschinenhersteller mit seinem Abschluss leider nix anfangen können.

Ähnliche Probleme hat auch die internationale Katastrophenmanagerin, wenn alle Stellen in der Entwicklungszusammenarbeit 10 Jahre Berufserfahrung voraussetzen. Oder der frühkindliche Bildungswissenschaftler, der keinen Job kriegt, weil staatlich anerkannte Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen bevorzugt werden.

Mit einem breitgefächerten Abschluss hast du also tausende Möglichkeiten, mit einem eng begrenzten hingegen viel weniger.

Mooooment, Annika! Das stimmt vielleicht. Aber als Vegan Food Manager habe ich dafür ja auch einen Riiiiesenvorteil, wenn ich z. B. Attila Hildmanns neuer Manager werden will. Der stellt mich ja ein, bevor er die Bewerbung der BWLer überhaupt angeschaut hat! Oder nicht?

Ja, Suchender, das ist gar nicht so dumm gedacht. Mit einem besonderen Fach hat man eben auch Vorteile. Wenn du einen Job findest, der perfekt zu deinem Fach passt, bist du den anderen aus den allgemeinen Fächern überlegen. Aber du bist eben auch darauf angewiesen, so einen Job zu finden. Wenn der gute Attila zufälligerweise gerade keinen neuen Manager braucht und die drei veganen Restaurants in deiner Umgebung alle schon besetzt sind, dann wird es langsam echt schwierig, noch was zu finden.

Zumal du ja trotzdem nicht alleine auf der Welt bist. Es gibt ja immer noch ein paar andere Deppen, die sich für dein Fach entschieden haben. Und mit denen stehst du auch in Konkurrenz. Außerdem kann da son kecker allgemeiner BWLer um die Ecke kommen, der seine Praktika bei Peta und foodwatch gemacht hat und seine Masterarbeit über die Finanzierung der veganen Beefsteak-Entwicklung geschrieben hat und der dir jetzt den tollen Job vor der Nase wegschnappt. Dumm gelaufen!

Denk auch dran, dass viele Chefs ganz schön konservativ sind. Vielleicht ändert sich das in den nächsten Jahren, aber vielleicht halt auch einfach nicht. Das heißt, wenn du dich mit einer coolen exotischen Spezialbewerbung auf eine Stelle bei einem Zelthersteller bewirbst unter dem Motto „Leidenschaft für vegane Heringe“… dann ist es durchaus möglich, dass der Chef das ein bisschen komisch findet. Und dich lieber nicht einlädt. Sondern lieber seine gewohnten, geliebten BWLer.

Aber nun hab ich doch mein heißgeliebtes Spezialinteresse. Darf ich das denn gar nicht ausleben?

Doch klar. Im Master. Der Bachelor bringt dir deine fundierte, breite Ausbildung. Eine Ausbildung, mit der du nachher überall und nirgends arbeiten kannst. Und eine Ausbildung, die alle Arbeitgeber*innen kennen und hoffentlich schätzen. Mit dieser Sicherheit im Rücken kannst du dann deinem Lieblingshobby nachgehen. Wenn es dann mit dem passenden Job klappt: „Juhuuu!“ Wenn es nicht klappt „Egal! Dann suchste dir halt einen anderen Job. Denn dank allgemeinem Bachelor hast du die breite Auswahl!“ ;)

Aber bis zum Master dauert es nocht sooooo lange. Kann ich nicht vorher schon was mit meinem Hobby machen?

Doch klar. Du kannst es machen wie der kecke BWL-Student und Praktika bei Peta und foodwatch machen (oder halt woanders, wo es dir gefällt) und deine Bachelorarbeit zu deinem Lieblingsthema schreiben. So hast du die allgemeine Ausbildung und deine persönlichen Interessen unter einen Hut gebracht.

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Mit einem allg. Bachelor hast du jede Menge Auswahl ;)

2. Du und dein Abschluss

Ja, ich weiß, das oben war ganz schön pragmatisch und spießig. Als ob es nichts Wichtigeres im Leben gäbe als die Wünsche der Arbeitgeber. Gibt es natürlich schon: Dein Glück und deine Lebensfreude zum Beispiel. Aber auch die profitieren oft von einem allgemeinen Bachelor.

Denn du und deine Wünsche, ihr ändert euch wahrscheinlich noch sehr oft während des Studiums. Da gibt es viele Gründe für:

  • Vorm Studium hast du oft nur eine sehr abstrakte Vorstellung von deinem Fach. Wenn du erstmal mittendrin bist und dich besser auskennst, stellst du vielleicht fest, dass andere Bereiche besser zu deinen Interessen passen. Also doch lieber Vertrieb als Tourismus.
  • Als Teenager*in reizen dich vielleicht vor allem Reisen, Partys oder die Medienbranche. Dann wirst du älter, lernst mehr von der Welt kennen, reifst heran und findest plötzlich auch ganz andere Bereiche spannend. Zum Beispiel so „öde“ Sachen wie Buchhaltung und Controlling.
  • Als Teenager*in willst du vielleicht die süße Freiheit des Lebens auskosten und träumst davon, Aussteiger oder digitale Nomadin zu werden. Mit den Jahren steigt aber dein Sicherheitsbedürfnis oder du fühlst dich an einem Ort wohl und willst dich niederlassen.Oder andersherum: Nach der Schule hast du Angst vor den vielen Veränderungen. Du studierst in deiner Heimatstadt und bleibst im alten Freundeskreis. Je älter und erwachsender du wirst, desto offener wirst du gegenüber Neuem. Und kannst dir nach einem Semester Erasmus sogar einen Job im Ausland vorstellen.
  • Als Teenager*in bist du idealistisch und willst die Welt verändern. Nach ein paar Jahren in einer schlecht geheizten Chaos-WG und desillusionierenden Praktika in ineffizienten sozialen Organisationen hast du keinen Bock mehr. Jetzt möchtest du lieber einen gut bezahlten Job. Die Welt retten kann man auch, wenn man sich von seinem guten Gehalt Bioprodukte kauft.Oder andersherum: Als Teenager*in wolltest du deine Klassenkameraden beeindrucken und dick Karriere machen. Mit den Jahren hast du aber zunehmend Stress und stellst dir die Sinnfrage. Nach und nach werden andere Dinge immer wichtiger.

  • Vielleicht entdeckst du unterwegs auch einfach neue Hobbys, neue Interessen, neue Lebensmodelle, neue Ziele, neue Neuigkeiten… und möchtest sie in deine Lebensentscheidungen einfließen lassen.

Mit einem breiten Studium geht sowas einfacher.

Mit BWL kannst du sowohl dick Karriere machen, als auch in gemeinnützigen Projekten arbeiten. Und du kannst sowohl in deinem kleinen Kaff, als auch in der großen Welt arbeiten  .Mit Non-Profit Management wird die große Karriere, insbesondere im Heimatdorf, schwieriger.

Mit Pädagogik kannst du in die Flüchtlingshilfe gehen, aber auch in die Personalabteilung einer großen Firma. Mit Wirtschaftspsychologie kommst du eher nicht die Flüchtlingshilfe. Du kannst deinen Kindheitstraum verfolgen und Kinderpsychotherapeutin werden. Oder du entscheidest dich mit der Zeit um und wirst doch lieber Sozialmanagerin (Ähnlichkeiten mit meinem Lebensweg sind rein zufällig ;P)

Mit Chemie kannst du später coole Sachen machen wie Kosmetik oder Feuerwerk oder Medikamente gegen AIDS, aber du kannst auch im Laufe deines Studiums deine Begeisterung für Kautschuk entdecken und ausleben. Hast du dich für den Studiengang Technologie der Kosmetika und Waschmittel entschieden, wird es schwieriger mit dem Kautschuk.

Ich denke, du hast das Prinzip verstanden. Ein allgemeiner Bachelor lässt dir ganz viel Freiheit zum Atmen, Ausprobieren, Entdecken und dich selbst Weiterentwickeln. Und im Master kannst du dann durch eine Spezialisierung deinem Lieblingsinteresse nachgehen und deine Karriere in deine gewünschte Richtung lenken.

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Lass deine Horizonte weit sein!

(Alle Bilder: http://www.pixabay.de)

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