Kinderträume- Risiken und Nebenwirkungen

Servus Suchender,

hast du auch schon mal den Rat bekommen „Orientiere dich einfach an deinen Kindheitsträumen. Das, was du in der Grundschule werden wolltest, ist auch jetzt noch genau das Richtige für dich!“? Ich hab es oft gehört. Und ich bin kein Fan von diesem Rat.

Ein paar Gründe, warum:
Hach ja, damals war noch alles besser. Wie schön das Leben war. Wie man sich um nix Sorgen machen musste und keinen nervigen Papierkram hatte. Wie endlos die vielen schönen Tage waren und wie weit die Welt schien und… Wie gern wäre ich wieder Kind!

Aber die brutale Wahrheit des Tages ist: Du wirst nie wieder Kind sein. Du kannst noch so viel davon schwärmen, dieses Lebensgefühl holst du dir nie wieder zurück, auch nicht wenn du deinen Traumberuf aus Kindertagen ergreifst. Du wirst sogar mit jedem Tag immer erwachsener oder bist es vielleicht schon durch und durch. Und daran ändert sich auch nix mehr- Deine Kindheit ist tot. (call me Nietzsche 2.0. Du darfst mich hassen).

Deshalb solltest du sehr genau schauen: Wird mich dieser Traumberuf aus Kindertagen auch jetzt noch, als- sprechen wir es aus- Erwachsener glücklich machen? Wird er meine jetzigen Bedürfnisse und Wünsche erfüllen können? Oder war er ein guter Kumpel von Childhood-Me, aber haben wir uns jetzt auseinander gelebt?

Hier ein paar Dinge, über die du nachdenken solltest:

1. Verkläre nicht die naive Weltsicht deiner Kindheit

Klar, als Kind denkt man „Tierarzt ist soooo ein schöner Beruf. Ich liebe Tiere und es macht bestimmt Spaß, mit ihnen Zeit zu verbringen und sich um sie zu kümmern und so“… und das denkst du vielleicht jetzt auch noch. Aber was Kinder nicht sehen, weil es halt außerhalb ihres Wissens und ihrer Vorstellungskraft liegt, ist das sehr lange, schwierige Studium, das oft unbezahlte anstrengende praktische Jahr, die miese Bezahlung nach einer solchen Quälerei- deine Humanmedizin- und BWL-studierenden Freunde ziehen gehaltsmäßig aber sowas von an dir vorbei!-, die mittleren bis schwierigen Berufsaussichten und der viele, viele Papierkram, wenn du deine eigene Praxis hast.

Wir sind, denke ich, alle froh, dass wir als Kinder noch nicht über son Mist nachgedacht haben. Unsere Kindheitsträume sind doch gerade deshalb so schön, weil sie so herrlich naiv sind. Deswegen sind sie auch perfekt dazu geeignet, in Erinnerung zu schwelgen. Aber sie sind nicht dazu geeignet, sie jetzt genauso in die Tat umzusetzen. Du solltest kritisch überprüfen, was in einem Beruf alles auf dich zukommt- an Papierkram, an Vorschriften, an Aufgaben, an Gehalt und Arbeitszeiten, an Ausbildungsdauer etc.

Ist der Beruf wirklich so interessant, wie du ihn dir in deiner Kindheit ausgemalt hast? Und ist er so toll, dass du auch die vielen Nachteile und Haken daran akzeptieren kannst?

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2. Vergiss deine eingeschränkte kleine Kindheits-Welt nicht

Stell dir vor, du würdest nur Dinge tun, die du als Kind schon mal machen wolltest. Du hättest wohl nie einen Gin Tonic getrunken, weil du so ein Getränk nicht kanntest. Du hättest vielleicht nie Urlaub in Thailand, Costa Rica oder auf Sardinien gemacht, wenn du als Kind kein Geografie-Genie warst. Du würdest kein Smartphone besitzen, weil die damals noch weitgehend unbekannt waren oder es sie vllt noch gar nicht gab. Du wärst wohl nie zu einem Poetry Slam gegangen oder einem Festival oder in eine Kunstgalerie oder in einen SM-Club oder was auch immer du sonst so Tolles erlebt hast, was du dir als Kind nie erträumt hättest.

Kinder kennen vieles von der Welt nicht. Das betrifft auch Berufsbilder. Kinder kennen Berufe, mit denen sie in Kontakt kommen- Erzieher*in, Lehrer*in, Arzt*Ärztin, Polizei und Feuerwehr, Bauarbeiter*in, Postbote*in, Bauer*Bäuerin (sic!) und co. Aber viele Berufe sind zu abstrakt oder zu selten bzw. zu weit weg von Kindern.

Was bitte sind Psychotherapeut*innen? Was machen denn Anlagenberater*innen und was zum Kuckuck ist diese Börse, von der alle Erwachsenen sprechen? Was soll Politikberatung bitte sein? Und dieses Ingenieurswesen, was ist das eigentlich und wo ist der Unterschied zum Handwerker?

Kinder kennen nur einen winzigen Ausschnitt aus der Welt. Damit schneidest du einen großen Batzen Möglichkeiten einfach ab, wenn du auf deine damaligen Träume vertraust. Beispiel: Wenn du als Kind gerne gereist bist, wolltest du vielleicht Pilot oder Kapitän werden. Du könntest aber genauso gut auch Elektroniker auf Montage oder Diplomat oder Sales Manager werden. Als Kind wusstest du das nicht, aber jetzt hast du den Überblick bzw. deinen Freund Google. Also schöpfe aus dem Vollen!

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3. Verdeutliche dir, wie sehr du dich verändert hast

Nehmen wir Peter, ein frei erfundener Typ.

  • Als Kind hat Peter Tiere über alles geliebt. Er war vernarrt in seinen Hund und die Kaninchen seiner Schwester und am liebsten war er im Zoo oder auf dem Bauernhof der Nachbarn.
    Mittlerweile ist er erwachsen. Einen Hund hat er immer noch. Aber Tiere sind nicht mehr der Mittelpunkt seines Lebens. In der Schule hat er ein Interesse an Naturwissenschaft und Technik entwickelt. Heute studiert er lieber Ingenieurwesen als Tiermedizin.
  • Peter war damals ein ruhiges Kind. Wenn er nicht gerade mit den Tieren spielte, saß er oft allein über einem Buch oder seinem Gameboy. Große Gruppen und Menschenmengen gefielen ihm nicht. Als Erwachsener wollte er auf keinen Fall einen Job machen, bei dem er dauernd mit Menschen zu tun hat.
    Aber mit den Jahren ist Peter offener und selbstbewusster geworden. In der Pubertät wurde ihm Zeit mit Freunden immer wichtiger und er lernte, besser zu smalltalken und auf neue Leute zuzugehen. Nach dem Abi machte er ganz alleine eine Rucksacktour durch Osteuropa. Jetzt machen ihm große Menschenmengen gar nichts mehr aus- im Gegenteil, er liebt die Teamarbeit und den Kundenkontakt in seinem Beruf.
  • Als Kind war Peter sehr verträumt. Er dachte sich oft Geschichten aus und erzählte sie seinen Tieren oder malte Bilder davon. Er überlegte, ob er neben dem Beruf als Tierarzt vielleicht auch Buchautor werden sollte.
    Heute ist davon nicht viel übrig. Peters Geschichten wurden im Deutschunterricht von der Lehrerin schlecht zensiert und er glaubte nicht mehr an sein Talent. So vernachlässigte er es- zumal er in Mathe sehr gute Noten hatte und sich lieber dort reinhängte. Und je mehr soziale Kontakte er hatte, desto weniger war er allein und versank in seinen Tagträumen. So ist Peter ein Realist geworden und hält sich für wenig fantasievoll- nur beim Planen und Bauen von Autoteilen blitzt manchmal nochwas von seiner alten Kreativität hervor.

Ich könnte noch unzählige andere Beispiele nennen.

Das, was du als Kind magst, gut kannst und wichtig findest, ändert sich im Laufe deines Lebens noch oft. Manches mag konstant bleiben, aber das meiste ändert sich. Mal stärker, mal schwächer. Heute sind wir nicht mehr die Menschen, die wir damals waren. Deshalb sollten wir auch unsere Träume von damals nicht einfach so mit uns nehmen, denn sie passen uns genauso wenig wie unsere alten Kinderschuhe und Gitterbettchen. Vielleicht können wir manche von ihnen anpassen, aber wir sollten auch ehrlich genug mit uns sein und alles wegschmeißen, was wir gar nicht gebrauchen können.

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4. Verpass nicht die Chance eines anstrengenden Selbstfindungsprozesses

Ja, es gibt Menschen, die seit ihrer Kindheit eine Passion haben und diese ihr Leben lang verfolgen. Aber du, Suchender, bist nicht so ein Mensch, oder? Sonst wärst du wahrscheinlich nicht auf meinen Blog gekommen.

Wenn du den Traum aus deiner Kindheit erfüllen willst, dann vielleicht auch weil es so einfach und bequem ist. Du musst dich nicht mit deinem Erwachsenen-Ich auseinandersetzen, du musst dich nicht durch die riesige Informationsflut kämpfen und keine Praktika organisieren. Du machst einfach etwas, was dir aus deiner Kindheit vor die Füße kullert und gut ist.

Damit nimmst du dir aber 2 große Chancen:

1. Du findest vielleicht nie deinen wahren Traum aus, wenn du dich mit der erstbesten Möglichkeit zufrieden gibst. Als Kind wolltest du Polizist werden, also machst du das jetzt und stehst dann den Großteil deines Arbeitstags gelangweilt am Bahnhof rum und kontrollierst hin und wieder einen Betrunkenen, der rumpöbelt. So hast du dir dein Leben wohl weder als Kind, noch als Erwachsener vorgestellt. Schade!

2. Du lernst viel weniger über dich selbst. Selbstfindungsphase bedeutet ja, dass man sich selbst findet oder zumindest besser kennenlernt. Du findest heraus, was du magst und was nicht. Was dich begeistert und was du kategorisch für dich ausschließt. Wie du mit Stress, Überforderung, Unsicherheit, Scheitern und Ängsten umgehst. Was dir wirklich wichtig ist und was weniger. Welche Charakterzüge in welchem Situationen wie herauskommen. Welche Stärken und Schwächen du unabhängig vom Schulunterricht hast. Wie du dich mit Menschen, Situationen und Aufgaben arrangierst… es ist spannend und du bekommst ein gutes Verhältnis zu dir selbst- ein echtes SelbstBEWUSSTSEIN. Das ist für das ganze Leben nützlich, auch unabhängig von der Arbeit.

Deshalb: Lass dich von deiner Kindheit inspirieren, wenn du magst, aber geh die Suche nach deinem Traumberuf trotzdem im Hier und Jetzt aktiv an!

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Übrigens: Ich wollte als Kind immer Bücher schreiben. Aber ich bin zu schreibfaul für einen Roman, deswegen blogge ich einfach in meiner Freizeit. Das ist doch ne ganz gute Alternative.

Und nochmal übrigens: Neulich habe ich ein Freundschaftsalbum aus der 5. Klasse von mir gefunden. Da stand als mein Berufswunsch: Schriftstellerin und- bei Unicef arbeiten. Heute bin ich Sozialpädagogin. Also ich würde behaupten- Childhood-Me und Adult-Me haben einen guten Kompromiss gefunden ;)

(Fotos: http://www.pixabay.de)

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